Sie schlendern über via Mazzini und denken an Schaufenster, Aperitivo, das nächste Ziel. Dabei durchqueren Sie, ohne es zu wissen, einen der vielschichtigsten Orte ganz Veronas. Heben Sie den Blick. Schauen Sie auf die hohen, schmalen Häuser an der Ecke zur Piazza delle Erbe. Das ist kein architektonischer Zufall: Es ist das steinerne Zeichen von Jahrhunderten Geschichte, auf wenige Quadratmeter verdichtet.
Wo das jüdische Ghetto von Verona lag
Der Ausgangspunkt des Rundgangs liegt fünf Gehminuten von Piazza Bra entfernt und ist damit von jedem Punkt der Altstadt bequem zu Fuß erreichbar. Das Ghetto erstreckte sich zwischen via Mazzini, via Pellicciai, via Quintino Sella und Piazza delle Erbe — mitten im touristisch belebtesten Teil der Scala-Stadt. Das Besondere daran: Die meisten Menschen gehen hindurch, ohne es zu merken.
Das deutlichste Zeichen, nach dem man Ausschau halten sollte, sind die Turmhäuser auf der linken Seite der Piazza delle Erbe, wenn man von via Cappello kommt. Es sind Gebäude mit doppelten, schmalen Fenstern, die bis zu sieben oder acht Stockwerke erreichen. Der Grund ist einfach: Die jüdische Gemeinde, gezwungen, innerhalb des Ghetto-Perimeters zu bleiben, konnte sich nicht horizontal ausdehnen und baute deshalb in die Höhe. Diese Aufbauten sind ein Dokument aus Stein.
Vom alten Ghetto sind nur wenige Spuren erhalten, die den Stadtsanierungsmaßnahmen der 1920er Jahre entgingen, welche den größten Teil des ursprünglichen Baubestands abrissen. Unter den Überlebenden sind es genau jene Turmhäuser an der Ecke zwischen Piazza delle Erbe und via Mazzini, die als beredtestes architektonisches Zeugnis bestehen bleiben.
Eine Geschichte, die älter ist, als man denkt: vom mittelalterlichen Erbe zum Ghetto des Jahres 1600
Viele Artikel behandeln das Ghetto von Verona, als wäre es eine späte Episode. Das stimmt nicht. Die Anwesenheit einer jüdischen Gemeinde in Verona ist mindestens seit 978 n. Chr. dokumentiert, und einigen Quellen zufolge könnte sie bis in die Zeit Theoderichs im 5. Jahrhundert zurückreichen. Jahrhunderte des Zusammenlebens, Vertreibungen, Rückkehr: eine zyklische Geschichte, die vielen jüdischen Gemeinden Italiens vertraut ist.
Im Jahr 1408 erlaubte die Republik Venedig den Juden offiziell, in der Stadt zu wohnen, zunächst beschränkt auf das Geldleihergewerbe. Zwei Jahrhunderte später, auf Betreiben des Bischofs Valerio, wurde 1600 das Ghetto offiziell eingerichtet. Es gibt jedoch ein überraschende Detail: Anders als in Venedig, wo die Segregation 1516 mit Gewalt durchgesetzt wurde, fand die Errichtung des Ghettos in Verona den Zuspruch der jüdischen Gemeinde selbst, die darin Schutz vor den häufigen antisemitischen Ausschreitungen suchte, die sich in der Stadt ereigneten.
In den Jahren zwischen 1638 und 1655 trieben die verschärften Lebensbedingungen in Venedig zahlreiche sephardische Familien nach Verona, die neue Kaufleute und neue Traditionen mitbrachten. Die Annäherung zwischen der ursprünglichen aschkenasischen und der sephardischen Gemeinschaft verlief nicht reibungslos: Es dauerte Jahrzehnte, doch bereits 1675 gründeten beide Gemeinden eine gemeinsame Schule. 1797, mit dem Einmarsch der napoleonischen Truppen, wurde das Ghetto geöffnet: Die Gemeinde war zu diesem Zeitpunkt aktiv in das wirtschaftliche Leben Veronas eingebunden, mit etablierten Läden und einer gefestigten Präsenz im Textilhandel.
Die Synagoge in via Portici: So besichtigt man sie (und was man erwarten kann)
Die zentrale Station des Rundgangs ist die Synagoge in via Portici 3, einer kleinen Seitenstraße von via Mazzini, die sich innerhalb weniger Minuten vom Lärm der Hauptstraße leert. Sie ist eine der größten Synagogen Norditaliens, entworfen 1864 vom Architekten Giacomo Franco, als die Gemeinde mit rund 1.400 Personen ihren demografischen Höhepunkt erreicht hatte. Die Fassade ist monumental — Ockergelb und Weiß, mit einem Portal, das in einen großen Marmorbogen eingelassen ist, über dem die Gesetzestafeln prangen — doch die Enge der Gasse macht es schwer, sie vollständig zu fotografieren: Man muss den Kopf fast senkrecht in den Nacken legen.
Die Synagoge ist ein aktives Gotteshaus und normalerweise nicht öffentlich zugänglich. Um das Innere zu besichtigen, wendet man sich am besten direkt an die Comunità Ebraica di Verona (Tel. 045 800 7112, E-Mail segreteria@comebraicavr.it), die geführte Besuche nach Voranmeldung organisiert. Das Innere bewahrt die Einrichtung aus dem 19. Jahrhundert unversehrt: den Arón aus rotem Marmor von 1645, das große halbrunde Buntglasfenster in Weiß und Blau mit der Menora sowie eine Inschrifttafel, die an den ersten Stein erinnert, der 1625 auf Veranlassung der Familie Orefici gelegt wurde.
Schon ein stilles Verweilen vor der Fassade rechtfertigt den dreiminütigen Umweg von via Mazzini.
Der Friedhof in Borgo Venezia und wie man den Rundgang abschließt
Wer den Rundgang mit einem weniger bekannten Element abschließen möchte, kann einen Abstecher zum Cimitero Ebraico di Borgo Venezia (via A. Badile 89) im östlichen Stadtteil einplanen. Er liegt nicht in der Altstadt — man braucht etwa 20 Minuten zu Fuß oder wenige Minuten mit dem Bus — ist aber ein wesentlicher Teil der jüdischen Geschichte Veronas. Es ist der vierte Friedhof, der sich in über sechs Jahrhunderten jüdischer Präsenz in der Stadt abgelöst hat, und er bewahrt Grabsteine, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen.
Die Öffnungszeiten für die Öffentlichkeit variieren je nach Saison: Im Sommer (April–September) ist er an Werktagen 9:00–12:00 und 15:00–18:00 Uhr geöffnet, an Feiertagen 9:00–13:00 Uhr; im Winter (Oktober–Mai) werktags 9:00–12:00 und 14:00–17:00 Uhr. Freitagnachmittag und Samstag ist er aus Respekt vor dem Schabbat geschlossen. Der Eintritt ist kostenlos.
Wer lieber in der Altstadt bleibt, findet den natürlichen Abschluss bei einem Kaffee auf der Piazza delle Erbe — und betrachtet die Turmhäuser mit anderen Augen als auf dem Hinweg. Die jüdische Geschichte Veronas steckt nicht in einem abgetrennten Museum: Sie ist mitten in der Stadt, und wartet darauf, gelesen zu werden.
Ist die Synagoge von außen zu besichtigen?
Ja. Die Fassade an der via Portici 3 ist jederzeit frei und kostenlos einsehbar. Das Innere hingegen ist ein aktives Gotteshaus: Für einen Besuch muss man die Comunità Ebraica kontaktieren und eine Führung vorbuchen.
Wie lange dauert dieser Rundgang?
Der Weg durch die Altstadt (Piazza delle Erbe → Turmhäuser → via Pellicciai → Synagoge via Portici) lässt sich in etwa 45–60 Minuten in gemächlichem Tempo absolvieren. Mit dem Friedhof in Borgo Venezia kommt man auf insgesamt 2 Stunden.
Gibt es offizielle Führungen durch das jüdische Ghetto von Verona?
Die Comunità Ebraica di Verona organisiert gelegentlich Führungen, auch in Zusammenarbeit mit lokalen Kultureinrichtungen. Die Referenz-Website ist comebraicavr.it. Die Società Letteraria di Verona veranstaltet regelmäßig Veranstaltungen zur lokalen jüdischen Geschichte.
Für Ihren nächsten Aufenthalt in Verona bietet The Verona Stay Apartments im Herzen der Altstadt, nur wenige Gehminuten von via Mazzini, der Arena und dem Teatro Ristori entfernt. Hier zu wohnen bedeutet, diesen gesamten Rundgang direkt vor der Haustür zu haben. Verfügbarkeiten auf theveronastay.it entdecken.